Otto Freundlich – Kosmischer Kommunist
Otto Freundlich
Künstler – Jude – Kommunist
1981 erwirbt die Stadt Münster eine Skulptur von Otto Freundlich. In der Pressemitteilung heißt es: „Der Ankauf dieser Plastik bedeutet, daß im Angebot der Stadt an ihre Bürger eine kunstgeschichtliche Lücke geschlossen wird.“ Seit Mitte der 1990er Jahre steht diese Plastik an ihrem Ort. Auf Otto Freundlich wird dabei mit einer kleinen Metallplatte verwiesen …
… und Entscheidendes vergessen: Otto Freundlich war Künstler und Jude und Kommunist. Er wurde von den Nazis gejagt und im KZ ermordet und dies, weil er alles drei war. Für ein bürgerliches Kunstverständnis genügt es, eine „kunstgeschichtliche Lücke“ zu schließen. Otto Freundlich ging es um mehr und anderes. Er war revolutionärer Künstler, also Revolutionär, Fremdkörper in einer Stadt wie Münster. Es lohnt sich, ihn zu erinnern, weil seine Kunst für etwas steht, was die Stadt Münster gerne und schon immer vergessen wollte. Otto Freundlich nennt es „Kosmischer Kommunismus“: „Der Welt, der die Menschen so lange entfremdet waren, sollten sie sich endlich wieder aufschließen. Sie sollten das Ganze denken und als Freie und Gleiche ins Ganze entlassen werden.“
Kaum jemand in Münster kennt „Ascension“ – Aufstieg. In der Mitte der Stadt, aber doch weit weg von allem, wofür Münster steht. Es ist an der Zeit, an Otto Freundlich zu erinnern, an seinen Geburtstag heute (10. Juli) vor 143 Jahren, an den revolutionären Künstler und kosmischen Kommunisten. Wir brauchen beides – mehr denn je!
Textpassagen von Otto Freundlich:
“Es ist die Natur der Seele, daß sie gegen jede feste Form Widerstand leistet, geheimen immer, und immer bereit zu offenem Widerstand. Jetzt ist es notwendig, sich daran zu erinnern. Denn was wir bauen wollen, soll ein seltsames Haus werden, so, wie es auf der Welt noch nie bestand.
Die Gesetze, wie sie bisher herrschten, haben nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sindern sie waren Zwangsmaßnahmen, um den Menschentypus zu züchten, der vom Kapitalismus gebraucht oder verbraucht werden konnte. Die Gesetze aber, die nicht verneinend, sondern bejahend sind, wurden noch nicht geschrieben, noch nicht einmal gefordert.
Gesetze, die den Menschen zur Maschine machen wollen, fordern den mechanischen Gehorsam. Wir werden Gesetze schaffen, die belehren, nicht bestrafen; die den Widerstand der menschlichen Seele gegen jede Verhärtung verstehen und bejahen, und die weiter nichts tun als vorbeugen, zuvorkommen den Verhärtungen.
Gesetze, die nicht mehr wie bissige Hofhunde den Besitz zu verteidigen haben, werden geistiger Natur sein, da sie aus Liebe erwachsen, vor der alle Kreatur gleich ist.”
(Die schöpferische Macht im Kommunismus)
“Das wahnsinnige Tempo der Weltproduktion kann nur durch die Verminderung der Arbeitszeit gehemmt werden. Es muß gehemmt und zeitweilig zum Stillstand gebracht werden, damit die Zeiteinteilung beginnen kann, in der der arbeitende Mensch nicht mehr ein Sklave des Arbeitstempos ist, sondern dieses Tempo selbst reguliert. Denn was die Arbeiterbewegung als neue Forderung in die Welt gebracht hat, das ist die Beherrschung der Zeit durch den Menschen. Bisher wurde der Mensch durch die Zeit beherrscht. Diese Zeit, eng verbunden mit dem Erwerb, gepeitscht durch die Not der meisten und die Raffgier der vielen, durchsetzt schon das Kind im Mutterleib mit den Rhythmen, die ihm ein pathologisches Leben garantieren. Dieses pathologische Leben, dessen Ziel zwangsläufig Gewinn und Kriege sein müssen. Der Punkt ist erreicht, heute, an diesem Tage, wo der seit Generationen mißbrauchte Organismus nach Gesundheit schreit, die Pietät seiner Erzeuger verflucht, die ihm dem heiligen Dressurprinzip der Staatsmanege mit dem fünften Jahre überantworten. Heute brüllt auf der Leib und, wenn er noch eine Seele hat, die Seele, und, wenn er noch Geist hat, der Geist: Gegen das rollende Geldrad der Zeit, time is money. Soll es rennen, wenn es kann, und mit einem Fußtritt gesegnet sein, damit es schneller rennt: aber ohne den Leib, den es zu Tode hetzt, und ohne den Geist, den es zum Wahnsinn treibt.
Die können wohl lachen, die nichts wollen als ihr einzelnes Ich oder was dazu gehört, ihre Familie. Aber ein Wald, der verdorrt, und Millionen schlecht genährte Menschen, die haben andere Augen.”
(Um den Achtstundentag)
“Wenn die Novembergruppe in sich die Pflicht fühlt, jene Gesinnungen zu pflegen, die allein von allen Brüdern der Welt verstanden werden, d. h., wenn sie aus einem egozentrischen Bewußtsein, aus einem Machtbewußtsein, aus einem kapitalistischen Bewußtsein hinaustritt und das Gesetz der Teilung, der Verteilung, zu dem ihrigen macht, dann erst wird sie den radikalen Kampf der Künstler verstanden haben, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt weigerten, sich der bestehenden Gesellschaftsordnung und Naturbewertung anzuschließen. Ich bin der Ansicht, daß die gesamten Grundlage der jungen Kunst auf dem Gefühl eines kosmischen Kommunismus ruhen, von dem der wirtschaftlich Kommunismus ein notwendiger, wenn auch untergeordneter Teil ist.”
(An die Novembergruppe)
“Die Perspektive der Renaissance ist die in die Horizontale gelangte Vertikale der Gotik. Es war damit eine Lösung gefunden, die das Himmlische mit dem Irdischen verbindet. ( … ) Allerdings war in dieser Lösung schon die Auflösung. Denn grade durch die geometrische Sicherheit, mit der die Illusion der Ferne erweckt wurde, mit der jedes Objekt, jeder Mensch als ‚richtig‘ an seinem Platz identifiziert werden konnte, wurde das geistige Erlebnis vernichtet und die von ihm abstrahierte ‚Wirklichkeit‘ an seine Stelle gesetzt.”
(Aphorismen und Marginalien 15.)

